Kriegsspiele

Dr. Jonas Tögel ist Amerikanist und Propagandaforscher. Geboren und aufgewachsen in Oberbayern, begab er sich nach seinem Studium in Passau, Regensburg und Schottland ein Jahr lang auf Weltreise. Seine Doktorarbeit behandelt die Themen Soft Power und Motivation, seit seiner Promotion arbeitet und forscht er am Institut für Psychologie der Universität Regensburg. Im Westend Verlag veröffentlichte er 2023 das Buch „Kognitive Kriegsführung“.
Er selbst beschreibt die Motivation seiner Arbeit damit, den Menschen dabei zu helfen, „Manipulation im Alltag und Propaganda zu erkennen, zu verstehen und zu neutralisieren“. Um besonders in schwierigen Zeiten positiv und handlungsfähig zu bleiben, sollte die Resilienz gestärkt werden. Zu den Forschungsschwerpunkten von Jonas Tögel zählen Propaganda, Motivation, Nudging, der Einsatz von Soft-Power-Techniken und die epochalen Herausforderungen des 20. und des 21 Jahrhunderts. „Ich lehne den Einsatz von Soft Power als Kriegspropaganda ab und bin überzeugt, dass er nicht zum Frieden beiträgt. Darüber hinaus kritisiere ich die weltweiten Manipulationsmethoden des Nudging. Für mich ist eine gezielte psychologische Steuerung der Menschen in einer Demokratie nur schwer zu rechtfertigen, daher möchte ich Ihnen dabei helfen, Propaganda und Kognitive Kriegsführung zu neutralisieren.“
Warum das aktuelle Buch „Kriegsspiele“ von Jonas Tögel wichtiger ist denn je ist, soll hier anhand verschiedener Aspekte einmal aufgeführt werden.
„Ich weiß, es klingt niederschmetternd, vor allem für die jüngere Generation, aber wir müssen uns daran gewöhnen, dass eine neue Ära begonnen hat: die Vorkriegszeit. Ich übertreibe nicht; das wird jeden Tag deutlicher […]. Ich möchte niemandem Angst machen, aber Krieg ist kein Konzept mehr aus der Vergangenheit. Er ist real, und er hat schon vor über zwei Jahren begonnen. Solche Situation haben wir seit 1945 nicht mehr erlebt.“
Donald Tusk
Das Gespräch am 28.02.2025 zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Vlodomir Selenskyj fing friedlich an, lief dann aber aus dem Ruder und eskalierte. Es soll hier keine Einordnung erfolgen, vielmehr soll aufgezeigt werden, wo wir gerade stehen, wenn Trump zu Selenskyj sagt: „Sie spielen mit dem Dritten Weltkrieg.“ Wenige Tage zuvor, am 23.02.2025, fand die Bundestagswahl statt und es wurden mehrheitlich Politiker gewählt, die nicht für Frieden eintreten, sondern entgegen ihrer Wahlversprechen, allen voran Friedrich Merz, nur wenige Tage danach einen Plan für milliardenschwere Investitionen in Verteidigung und Bundeswehr präsentieren. „Whatever it takes“, so Friedrich Merz. Er spricht von einer Grundgesetzänderung, nach der auch Frauen Wehrdienst zu leisten haben, und Verteidigungsminister Boris Pistorius sagt in seiner programmatischen Rede im Bundestag: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.“ Und weiter: „Im Ernstfall brauchen wir wehrhafte junge Männer und Frauen, die dieses Land verteidigen können.“ Auf der Website „Deutscher Bundeswehr Verband“ werden verschiedene Studien erwähnt, die darlegen sollen, dass die Deutschen einer militärischen Unterstützung mehrheitlich zustimmen würden. Was Studien betrifft, ist es generell schwierig, ob diese nun „stimmen“ oder nicht. Was aber laut Jonas Tögel in Deutschland gerade deutlich fehlt, das ist eine mehrheitliche laute Stimme gegen eine weitere Aufrüstung und für Frieden. Sein Buch zielt darauf ab, wie zentral das Bewusstsein einer Bevölkerung des Landes ist.
„Soft-Power-Techniken laufen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, ich bekomme sie gar nicht mit und dann habe ich auch keinen Widerstand dagegen. Weil ich da eine Art habe, Macht auszuüben, die die Menschen gar nicht mitbekommen, wo sie dann auch keinen Widerstand dagegen haben, weil es ganz einfach das psychische Immunsystem unterläuft.“
Jonas Tögel
Die NATO spricht ganz offen von der Bedeutung der Kognitiven Kriegsführung. Es gab immer schon die sogenannte Hard Power, die militärische Gewalt, wie Panzer, Schiffe, Flugzeuge, die für ein Militärbündnis wichtig ist. Auf dieser Ebene hat man die volle Palette an Zerstörungskraft. Aus langjährigen psychologischen Forschungen, Stichwort „Krieg gegen den Terror“, weiß man aber auch, dass die Soft Power noch einmal eine andere Ebene der Macht ist. Kriegspropaganda gab es schon immer, aber die Bedeutung von Soft Power wurde immer größer. Hier habe ich es mit einer Macht zu tun, die die Menschen gar nicht mitbekommen. Wir stecken gerade in einem tagtäglichen Kampf um unsere Gedanken und Gefühle, der mit den modernsten Manipulationstechniken geführt wird. Diese kulturelle Manipulation läuft unter anderem über Influencer, Hollywood-Filme oder Computerspiel-Industrie. Im Gespräch mit der ZDF-Aussteigerin und Reporterin Kathrin Seibold erwähnt Jonas Tögel noch einmal mehr diese Bedeutung: die zahlreichen Toten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wären ohne Propaganda nicht möglich gewesen.
„Kognitive Kriegsführung“ stellt die Zustimmung der Bevölkerung sicher und ermöglicht erst dadurch Kriegshandlungen und Waffenlieferungen. Mit modernsten Manipulationswaffen wird hier gekämpft und dabei geht es um die Gedanken und Gefühle der Bevölkerung und der Entscheidungsträger. Eine Rahmenerzählung, ein einfaches Narrativ, wird hier verbreitet, wie beim Ukraine-Krieg, in dem „die Ukraine Europa und die westlichen Werte gegen einen unprovozierten russischen Angriffskrieg verteidige“. Für die Außenministerin Annalena Baerbock ist klar, dass Russland „für eine Weltordnung, in der internationales Recht nichts gilt“, kämpfe. FDP-Politikerin Agnes Strack-Zimmermann warnt: „Auf russischen Panzern steht ‚nach Berlin‘“. Das von Russland verbreitete Narrativ hingegen beschreibt einen Konflikt auf einer anderen Ebene, dieser spielt sich vielmehr zwischen Russland, den USA, der NATO und Europa ab – ähnlich wie der Zweite Weltkrieg. Beide Narrative dienen dazu, dass Kriegshandlungen überhaupt erst stattfinden können und es gilt, beide kritisch zu hinterfragen. Die eine Seite spricht von einer westlichen Drohung und rechtfertigt damit eine Drohkulisse durch eigene Atomwaffen, die andere Seite wiederum versteht darunter eine offene Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Wenn in internationalen Medien die verheerenden Folgen eines Atomkrieges für die Ukraine verheerend sein können, dann ist das aus Sicht der Kognitiven Kriegsführung der Nato wenig zielführend, denn es gibt Russland dadurch ein Druckmittel in die Hand, welches in der westlichen Bevölkerung Angst auslöst. Um das zu mildern, spielt man in westlichen Medien die Folgen einer direkten Konfrontation herunter oder spricht davon, Putin würde nur „bluffen“. Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannte bereits 1966 die Gefahr des Herunterspielens zerstörerischer Auswirkungen eines atomaren Konfliktes. Seines Erachtens werde der öffentliche Widerstand gegen Krieg durch Kleinreden abgeschwächt. Es wird zudem immer nur eine Minderheit von Kriegen profitieren, auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung.
„Ein Schutz der Bevölkerung gegen den Atomkrieg ist nicht möglich. Ihn zu behaupten, erzeugt eine falsche Beruhigung, die gefährlich ist, weil sie die mögliche Abwehr des Kriegs überhaupt schwächt. Möglich ist die Rettung einer kleinen Minderheit durch unterirdische, höchst kostspielige, mit den Steuergeldern des Gesamtvolks zu errichtende Bauten.“
Karl Jaspers
Ein scheinbarer sorgloser Umgang mit einer möglichen Eskalation, der an der Realität vorbeigeht und vielmehr in militärischen Planspielen simuliert wurde, verbunden mit dem fehlenden Bewusstsein für die tatsächlichen Konsequenzen, verstärkt die Gefahr. Planspiele reichen weit zurück, wie die britische Operation Undenkbar“ (Operation Unthinkable) aus dem Jahr 1945 bis hin zur NATO-Übung „Standhafter Verteidiger“ (Steadfast Defender) von 2024. Erschreckend ist, dass der Blick zurück aktueller ist als gedacht, da die hier durchgespielten Szenarien „durchaus die Kriegsschauplätze zukünftiger Kriege sein könnten“. Um ein Verständnis der Planspiele zu gewinnen, ist es wichtig, die „Herzlandtheorie“ zu kennen. Diese Theorie geht in ihrer ursprünglichen Form auf einen Vortrag des Geografen Sir Halford John Mackinder im Jahr 1904 vor der britischen Königlichen Geografischen Gesellschaft zurück. Sie ist auch für das 21. Jahrhundert immer noch hochaktuell. Mackinder rückt Europa ins Zentrum seiner Betrachtungen. Der Geograf möchte anhand detaillierter Ausführungen das Machtpotenzial des riesigen europäischen Kontinents verdeutlichen. Zu seiner Zeit wurde es gerade von der Eisenbahn erschlossen, ein Konkurrent zum Britischen Imperium, das hauptsächlich auf der Seemacht basierte. Mit anderen Worten: „Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Welt.“ Obwohl Deutschland in seiner Definition strenggenommen nicht zum „Herzland“ zählt (die Details dazu führt Jonas Tögel im Buch genauer aus), rückte es aus Sicht Mackinders in den Fokus der geostrategischen Überlegungen. Ein mögliches Bündnis zwischen Russland und Deutschland war ihm ein Dorn im Auge. Da dieses historische Dokument selbst bei heutigen Analysen eine große Rolle spielt, wäre es ein Fehler, es nicht zu berücksichtigen.
„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“
Egon Bahr
Es gab an der These Mackinders zwar Kritik, doch die Fürsprache einer amerikanischen Strategie zur globalen Vorherrschaft überwog. Der Brite Lord Ismay, 1952 zum ersten Generalsekretär der NATO ernannt, brachte in seinem bekannten Spruch die Aufgabe der NATO auf den Punkt, demnach sind „die Sowjetunion draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten“. Eine Orientierung zur Thematik Ukraine-Krieg wird dadurch erschwert, dass es gegensätzliche Standpunkte gibt. Auf der einen Seite stehen geostrategische Analysen, auf der anderen Seite geht es um Werte wie Freiheit, Sicherheit und Demokratie. Jonas Tögel nimmt in seinem Buch keine Bewertung der Standpunkte vor, sondern weist auf das gefährliche Potenzial des Ukraine-Krieges hin, das jederzeit eskalieren kann – eine friedliche Lösung ist daher umso wichtiger.
„Meine Erfahrungen als deutscher Verteidigungsminister in der letzten großen NATO-Übung 1989 und damit in der Endzeit des Kalten Krieges haben mir vor Augen geführt, dass es dann [im Falle eines militärischen Konflikts zwischen der NATO und Russland] nicht nur in Europa nichts mehr zu betrauern geben wird. Mackinders ‚Herzland‘ wird zur ultimativen Todeszone.“
Willy Wimmer
Einen vollständigen Einblick in die Planungsdokumente, selbst in die alten, gibt bis heute nicht. Wichtige Fotos werden von beiden Seiten weiterhin unter Verschluss gehalten. Zusammengefasst lässt sich trotzdem sagen, dass es sich um einen konventionell geführten Krieg zwischen der Sowjetunion und Europa handelt, der schnell eskalieren kann. Der Einsatz von chemischen und biologischen Waffen endet in einem massiven Einsatz von Atomwaffen. Doch wie lassen sich die Pläne auf unsere heutige Lage übertragen? Im Kriegsfall wäre Deutschland nicht mehr ein Frontstaat, sondern ein logistischer Dreh- und Angelpunkt. Zeitzeuge wie Klaus von Dohnanyi erklärte 2022 in einem Gespräch mit Sandra Maischberger, dass die USA bei einer NATO-Übung im Jahre 1979 ohne Rücksprache mit Deutschland Atomwaffen auf deutsches Gebiet abwarfen. Dohnanyi schrieb damals einen Brief an den Bundeskanzler Helmut Schmidt, der ihn daraufhin empfang. Schmidt wusste, dass „bei uns nukleare taktische Bomben“ abgeworfen werden. Dohnanyi sieht die heutige Gefahr darin, dass sich der Konflikt mit der Ukraine ausweiten könnte und Deutschland ebenfalls davon betroffen wäre. Militärischen Planspielen kann man entgegenhalten, dass sie „nur selten den genauen Verlauf eines Konflikts“ vorhersagen, dennoch legen sie eine allgemeine Ausrichtung der strategischen Operationen fest. Einige wichtige Fragen lauten daher: Würden amerikanische Atomwaffen auf Deutschland abgeworfen werden? Würde Russland nuklear oder konventionell angreifen? Welche Bedeutung hat die für 2026 geplante „Tomahawk“-Raketen-Stationierung durch die USA in Deutschland? Und welche Rolle spielt es, dass die Waffenlieferungen und Ausbildungsaktivitäten für die ukrainischen Streitkräfte künftig vom neuen NATO-Hauptquartier in Wiesbaden koordiniert werden?
„Für alle, die Frieden in ihrem Herzen und in die Welt tragen.“
Jonas Tögel
Wie sieht unsere aktuelle Lage aus und was könnten Auswege daraus sein. Die FDP-Politikerin und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europäischen Parlaments Agnes Strack-Zimmermann forderte im Juni 2024, 900.000 Reservisten zu aktivieren. Die Stationierung der US-Mittelstreckenraketen wurde bereits erwähnt. Ab 2025 sollen alle jungen Männer an ihrem 18. Geburtstag einen verpflichtenden Online-Fragebogen ausfüllen und darin Auskunft erteilen über ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum Militärdienst. Auch junge Frauen sollen ihn ausfüllen, jedoch nicht verpflichtend. Eine friedliebende öffentliche Meinung verhinderte im „alten“ Kalten Krieg immer wieder eine gefährliche Eskalation. Insofern bildet der starke Wunsch der Zivilbevölkerung nach Frieden einen empirisch nachweisbaren Gegenpol zu militärischen Vorhaben. Jonas Tögel drängt sich die Frage auf, warum im „neuen“ Kalten Krieg dieser Wunsch nach Frieden weder in der Bevölkerung der NATO-Länder noch in der Bevölkerung Russlands nicht stärker ist und öffentlich gemacht wird. Ist der „Traum von einer friedlicheren Welt für viele Menschen in weite Ferne gerückt“, weil sie einen russischen Angriff gar auf Deutschland für realistisch halten, mutmaßt die taz. Aus Sicht der Kognitiven Kriegsführung ist das Narrativ eines unprovozierten Angriffs Russlands auf die Ukraine in den meisten Köpfen der Bevölkerung fest verankert. Untermauert wird dies von den Aussagen vieler Politiker wie beispielsweise Agnes Strack-Zimmermann, die der Ansicht ist, Putin müsse man einen Angriff „einfach zutrauen“.
Die eingangs erwähnten Gedanken und Gefühle der Bevölkerung, die durch Kognitive Kriegsführung beeinflusst werden sollen, sind Ausweg und Schlüssel zugleich. Daher ist es heute wichtiger denn je, sich unabhängig eine Meinung zu politischen Fragen zu bilden – für jeden Einzelnen eine große Herausforderung. Gleichzeitig sollte man zur Unterscheidung von Realität und Fiktion wissen, welche Richtung die an den Planspielen beteiligten Staaten vorgeben. Für Jonas Tögel liegt der Schlüssel im Wunsch der Mehrheit der Menschen nach Frieden, denn die öffentliche Meinung stellt am Ende die größte Macht dar. Es braucht eine Friedensbewegung! Es muss uns allen klar sein, wenn es zu einer Eskalation des Krieges kommt, ist Mitteleuropa nicht mehr existent. Wer einen Atomkrieg mit Russland provoziert, riskiert den Untergang von Europa.